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2018-12-12 01:44

Überfahrt ABC Inseln Jamaika

Nach einigen Berechnungen der möglichen Ankunftszeit für die ca. 500 Seemeilen nach Jamaika, Port Antonio, entschließe ich mich Donnerstag den 8. Juni um 10h vormittags zu starten. Ich möchte am Montag den 12.6. zeitig am Morgen ankommen. Nicht früher, sonst muss man wie auch auf vielen anderen Inseln in der Karibik over Time Gebühr bei den Behörden bezahlen, nur während normaler Wochenarbeitszeit bleibt man davor verschont. Die Frage was normale Wochenarbeitszeit bei den meist schwarzen Beamten ist, ist nicht leicht zu beantworten. In Grenada waren die Öffnungszeiten für Immigration und Customs mit 8 bis 16 h durchgehend an der Eingangstür zum Büro angegeben. Ich wählte 11h, um nicht zu früh oder zu spät die Beamten bei ihrer Arbeit zu stören. Beim betreten der heiligen Amt Stube hatte ein Uniformierter seine Füße auf dem Tisch und löffelte aus einem Plastikgeschirr genüsslich sein Essen. Nach dem er hinuntergeschluckt hatte rief er mir zu, we have lunchtime, und ich soll nachher wiederkommen. Ich habe mir angewöhnt in so einem Fall yes Sir zu sagen mir einen Sitzplatz zu nehmen und zu warten. Meist macht es die Beamten nervös wenn man sie bei ihren anstrengenden Tätigkeiten beobachtet und sie nehmen einen gleich dran um diesen ungebetenen Besuch wieder aus dem Büro zu bringen.

Beim runden des westlichen Caps von Aruba ist Wind 22 bis 26 Knoten und 2 bis 3 Meter hohe Welle. Meistens ist an den Inselenden mehr Wind und Welle als weiter draußen. Vielleicht ist es aber hier auch die geringe Tiefe des Wassers die zwischen Aruba und Südamerika, Venezuela liegt. Die geringste Entfernung zwischen Aruba und Venezuela ist 15 Seemeilen und die Wassertiefe ist zwischen 30 und 100 Meter. Schon nach ein paar Stunden beruhigt sich die See und es wird wieder gemütlich an Board. Jetzt gilt es sich auf den Verkehr zu konzentrieren der hier fast wie auf der Süd Ost Tangente aussieht. Im ein Stundentackt ertönen die Warnsignale des AIS wegen Schiffe die in weniger als 6 Meilen Entfernung mein Boot passieren. Deren Geschwindigkeit und Fahrtrichtung sind für mich wichtig.  Da ist zum Beispiel die 324 Meter lange Carneval Vista die auf den Weg nach Miami ist und mit einer Geschwindigkeit von 19,9 Knoten meinen Weg kreuzt. Jean LD, ein Cargoship, 289 Meter fährt nach Panama. Anna G 229 Meter fährt nach Puerto Limon in Costa Rica. Ein Tanker auf dem Weg nach Santiago de Cuba. Obwohl ich schon so lange unterwegs bin merke ich dass meine Sehnsucht nach fernen Ländern immer noch vorhanden ist. Seit meiner Jugend spüre ich diese Reisekrankheit, ständiges Fernweh. Als Kind habe ich bei klarer Sicht von den Weinbergen meiner Eltern in weiter Ferne einen Berg gesehen den ich unbedingt erkunden wollte. Als ich dann mein erstes gebrauchtes Fahrrad bekam war ich in der Lage meine Neugierde zu stillen. 60 Kilometer hin und retour war damals wie eine Weltreise, zumindest eine Reise in eine andere Welt. Auf dem Berg befand sich eine Ruine und von der Spitze aus konnte ich weitere für mich erstrebenswerte Ziele sehen. Im Lauf der nächsten Jahre radelte ich wann immer es die Zeit erlaubte Tagesstrecken bis zu 200 Kilometer. In der Schule interessierte mich Hauptsächlich Geografie und Erdkunde, meine Träume begannen, irgendwann einmal die ganze Welt für mich zu entdecken. Wie sich später herausstellte war die Welt dann doch viel grösser als ich anfangs geglaubt hatte.

1 Carnival Vista2 Containerschiff

Die ersten 24 Stunden segle ich ein Tagesetmal von knapp 160 Seemeilen. Die erste Nacht ist für mich immer die schwierigste. Hier kommt noch der viele Verkehr dazu der meinen Schönheitsschlaf stört. Am zweiten Tag wird der Schiffverkehr Ruhiger, nur noch 5  sind auf dem AIS zu sehen. Wind um die 20 Knoten und langgezogene Wellen bis zu 2 Meter bereiten eine gemütliche Fahrt. In der zweiten Nacht ist dann alles so wie es sein soll, es ist Vollmond und der legt sein Licht so über Bright Star und das Meer das man meinen könnte die Nacht werde durch einen ständigen Tagesanbruch ersetzt. Nächstes Tagesetmal ist, obwohl ich der Ruhe wegen stark gerefft segle, mit 157 Seemeilen wieder beachtlich. Wenn es so weitergeht ist meine geplante Ankunftszeit weit von meiner im Voraus Berechneten entfernt.

Am dritten Tag ziehen Wolken auf, der Wind nimmt zu, und die etwa 4 Meter hohen Wellen brechen bedrohlich mit faszinierenden Eisblau Tönen in den Kämmen. Ich liege im Cockpit und beobachte die unzähligen Wassertropfen die vom Wind geschoben, sich drängeln, gegenseitig anschieben, in Masse als Welle immer höher steigen um dann nach erreichen der größtmöglichen Höhe wieder ins Wellental abzustürzen. Eine schafft es nicht so tief zu fallen und überschüttet mich in meiner genüsslichen Ruhestellung. Die beiden Lenzrohre beweisen wieder einmal ihren Sinn, das Wasser findet seinen Weg schnell zurück wo es hingehört. Ich bin gerade beim Beseitigen der Spuren des ungewollten Überfalls als mein Blick in den Salon fällt. Ein Fensterverschluss liegt auf dem Boden, hier sollte er eigentlich nicht sein. Vom Salon aus sehe ich dann schwimmende Dinge auf dem Küchenboden wo sie eigentlich nicht hingehören. Ein Küchenfenster steht offen, es hat beide Verschlüsse ausgerissen. Draußen ziehen 4 Meter hohe Wellen vorbei, brechen bedrohlich nah, und es scheint als wollten einige einen neugierigen nassen Blick herein werfen. In solchen Augenblicken überlege ich nicht lange sondern Handle sofort. Nach ein paar Minuten ist das Fenster wieder dicht, fixiert mit zwei neuen Schrauben. Jetzt kommt die eigentliche Arbeit, ich schöpfe mehr als 40 Liter Seewasser vom Boden. In jedem Küchenschrank, in den Laden sogar hinter dem Kühlschrank steht Salzwasser. In meiner Schlafkajüte liegt der Teppich 2 cm unter Wasser und das Bett ist ebenfalls frisch mit Seewasser gewaschen. Selbst mein Geheimfach, das niemand finden sollte, hat das Wasser entdeckt und überschwemmt.

3 Wellen4 Wellen

In den nächsten Stunden widme ich einer ausgiebigen Inventur der gesamten Küche. Alle Teller Töpfe Pfannen, Aufbewahrungsbehälter, Dosen und Gläser mit Lebensmittel bis hin zu den Putzmitteln, alles muss raus und mit Süßwasser gespült werden. Eine Frage beschäftigt mich etwas länger, wie konnte die Welle den Weg in das Backrohr finden. So vergeht der ganze Tag mit sinnvollen Putzen, das letzte mal habe ich nach dem Fensterabdichten in Aruba vor drei Tagen alles geputzt, am Abend lässt der Wind nach, fällt unter 10 Knoten, und die Wellen verschwinden gänzlich. Heute bin ich schön Müde und die Nacht verspricht genug Ruhe bei 4 bis 5 Knoten Speed. Am nächsten Tag ist es leichter die Folgen des Salzwassers zu lokalisieren, es hat kristallisiert und ich überlege ob ich damit nicht den Salzstreuer nachfüllen könnte.  Trotz nachlassenden Windes war das Etmal des dritten Tages immer noch 142 Seemeilen.

Am Sonntagmorgen bin ich genau 62 Seemeilen vor Port Antonio, Jamaika. Eigentlich müsste ich am Abend ankommen, wenn der Wind mitspielt. Aber der will nicht mehr, ein Lüftchen bewegt die See fast unmerklich. Nun dümple ich mit 1,5 bis 2 Knoten Geschwindigkeit dahin. Egal, ich wollte ja so wie so erst am Montagmorgen in Port Antonio ankommen. Verkehr in Inselnähe ist gleich null und bei dieser Geschwindigkeit sollte ich eigentlich eine Menge Schlaf nachholen können aber mir sind Berichte eingefallen wo erzählt wurde das Strömung die schlafende Mannschaft auf das nächste Riff trug. Viel öfter als nötig beobachte ich die näherkommende Insel die ich in voraussichtlich 12 Stunden erreichen werde. Um 7h morgens liege ich in spiegelglattem Wasser, 5 Seemeilen vor Port Antonio, jetzt reicht es auch mir und ich starte eine Maschine und komme Montag um 8h15 in der Marina Errol Flynn an. Nach 520 Seemeilen eine Wohltat, das Wasser ist spiegelglatt, rundherum ist alles saftig Grün, ich fühle mich sofort wohl hier. Richtig viel ist hier nicht los, insgesamt 6 Boote bevölkern die Marina, der Chef der Marina begrüßt mich persönlich, bringt mir die notwendigen Papier für die Marina, Gesundheitsbehörde, Zoll und Immigration. Die Beamten kommen zwei Stunden später, zuerst 2 Mann von der Gesundheitsbehörde. Ein wichtiges Thema ist der Holding Tank, niemand soll die Gewässer Jamaikas verschmutzen. Sehr wichtig, es sind 6 Boote in der Marina, ein riesen Gegengewicht gegen die zig tausend Jamaikanern die in ihren Holzhütten natürlich alle Holding Tanks haben. Jamaika ist das zweite Land nach Trinidad im dem ich auch schriftlich angeben muss was mit den Überresten der Crew Mitgliedern passiert ist die eventuell auf der Überfahrt verstorben sind. Wie wurden sie entsorgt……Die drei Leute vom Zoll interessiert gefrorenes Fleisch von Lamm und Rind, wenn vorhanden kommt es unter Zollverschluss. Es gibt schließlich ja genug frisches Fleisch in Jamaika. Immigration wundert sich nur darüber das man mit so einem Großen Schiff alleine fahren kann, kein anderes Crew Mitglied, stimmt das auch. Alles zusammen sind die zwei Stunden Einklarieren für mich unterhaltsam.   

5 Jamaika Ort Antonio Errol Flynn Marina6 Jamaika Einklarierungspapiere